Heizen mit Wärme aus der Tiefe der Erde

Energie von Wind-, Wasser und Sonne kennt jeder. Eine Energiequelle, die europaweit stark im Kommen ist, liegt unter der Erde. Geothermie lautet das Zauberwort. Bald wird sie Wärme für viele Wiener Haushalte liefern.

Aus 5.000 Meter Tiefe kommt das heiße Wasser­ in in den Wärmetauscher des Kraftwerks. Danach wird es zurückgeleitet.

Spätestens seit der nuklearen Katas­trophe in Japan schwebt die zentrale Frage im Raum, wie sich der Energiebedarf des Planeten auch abseits der Nutzung der Atomkraft abdecken ließe. Denn ohne realistische Alternativen zur gefährlichen Energieproduktion in Reaktoren ist ein Ausstieg aus dieser undenkbar. Schließlich ist ein funktionierender Energiekreislauf ein entscheidender Wirtschafts- und Wachstumsfaktor und somit ein wesentlicher Wohlstandsfaktor einer jeden Gesellschaft. Damit das so bleibt, wird auch die Nutzung von Geothermie zukünftig eine immer noch größere Rolle spielen.
 
TECHNIK MIT TIEFGANG
Doch was hat es mit der Geothermie nun genau auf sich? Als Geothermie wird jene Form von Wärme bezeichnet, die sich in dem für den Menschen technisch erschließbaren Teil der Erdkruste befindet. Genau genommen handelt es sich um Restwärme aus der Zeit der Erdentstehung, die unter der Erdoberfläche gespeichert blieb. Auch in bodennahen Erdschichten kann Wärme, die durch Einstrahlung der Sonne entstand, genutzt werden.
Wie gut die Geothermie genutzt werden kann, hängt allerdings von der Beschaffenheit des lokalen Untergrunds ab. Die Wiener Gegend ist dafür sehr gut geeignet. Generell gilt in Mitteleuropa die thermische Faustregel, dass pro Kilometer Tiefe die Temperatur um 30 Grad Celsius ansteigt. In einer Tiefe von 5.000 Metern herrschen hier also gute 150 Grad. Und auch die für Geothermie notwendigen Thermalwasservorkommen sind in Wien vorhanden. Diese Wärme kann unmittelbar genutzt werden, um etwa Heizungen oder die Warmwassererzeugung zu betreiben. Mit der Geothermie-Technik ist es jedoch ebenso möglich, Strom zu erzeugen oder etwa eine Kraft-Wärme-Kopplung zu betreiben.
„Wir bauen stark auf erneuerbare Energieproduktion. Unser Ziel ist es, sowohl bei der Strom- als auch bei der Wärmeproduktion bis 2030 50 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen zu gewinnen, die Geothermie ist dabei ein wesentlicher Meilenstein”, so Wien Energie-Geschäftsführerin Susanna Zapreva über die nun in Bau gegangene Geothermie-Anlage in Aspern/Eßling, die nach der Fertigstellung eine thermische Leistung von gut 40 Megawatt und eine elektrische Leistung von 800 Kilowatt erbringen wird – das sind 60 Prozent mehr thermische Leistung als jede vergleichbare Anlage in Österreich. Bereits seit den 1970er-Jahren ist bekannt, dass in Aspern unter der Erde energetisches Potenzial schlummert. Damals ist man in der Region zufällig auf  Thermalwasser gestoßen. „Die Wärmeausbeute ist beträchtlich. Ein ganz neuer Stadtteil im 22. Wiener Gemeindebezirk soll davon profitieren”, sagt Gerhard Fida von Wien Energie Fernwärme über das Energie-Potenzial.  
Dabei handelt es sich bei der Geothermie um eine Technik mit sehr vielen Vorteilen. Vor allem in Hinsicht auf eine CO2-neutrale und klimafreundliche Energiegewinnung kann sich die Wärme aus der Erdkruste sehen lassen. Konkret spart die nun in der ersten Bauphase befindliche Anlage in Aspern eine Menge von jährlich mehr als 130.000 Tonnen CO2 ein. Für den Energiemix von Wien Energie bedeutet das Kraftwerk einen Anstieg der erneuerbaren Energien im Fernwärmebereich auf beachtliche 20 Prozent. Die Inbetriebnahme des besonders sauberen Geothermie-Kraftwerks in Aspern ist für das Jahr 2014 geplant, wenn auch die dort entstehende Seestadt Aspern mit Leben erfüllt sein wird.

Vor Ort zeigt eine Ausstellung, wie ­Geothermie funktioniert.

Effizient und sauber
Mit der Wärme aus der Erde steht eine schon seit Jahrtausenden genützte Energieform zur Verfügung. Durch moderne Technik wird diese Quelle nun mit einem hohen Wirkungsgrad erschlossen. Auch in Hinsicht auf die Kosten und die Energieeffizienz kann sich das Projekt sehen lassen. Geothermie steht zu jedem Zeitpunkt zur Verfügung und ist etwa im Gegensatz zu Solarenergie auch in der Nacht verwertbar.

Infos:
www.wienenergie.at


Nr. 223/Dezember 2011/Jänner 2012